Pressestimmen

 

L’APPARATIONS DES PLACES

Konzert des Kairos Quartetts im Gare du Nord auf Eiladung der ignm Basel

Rezension Anja Wernicke

 

 

Debüt des Kairos Quartetts beim Osterfestival Tirol 2014:

Das „Kairos Quartett“ gastierte gestern im Rahmen des Osterfestivals Tirol und interpretiere Schubert und Schnebel in grandioser Weise – und wagte sich mit der Musik von Georg Friedrich Haas fast eine ganze Stunde in die absolute Dunkelheit.

Kairos: Dieses griechische Wort bezeichnet den günstigen Zeitpunkt. Das abendländische Denken, das es in dieser Homogenität selbstverständlich gar nicht gibt, tendiert dazu Pläne zu entwerfen und den eigenen Willen in Situationen durchsetzen zu wollen. Situationen werden willentlich beeinflusst, es wird auf einen günstigen Augenblick gewartet, in der das eigene „Ich“ und essen Willensstärke endlich zum Zug kommt. Kairos: Das ist die unerwartete Öffnung in einer Zeitabfolge, mit der man nicht gerechnet hatte und dessen Chance impulsiv ergriffen wird. Die Zeit ist reif, gereift zu den eigenen Gunsten. Jetzt kann man zuschlagen. Durchaus auch im martialischen Sinne. Eine Aufforderung zum Handeln, jetzt oder nie. Nie haben es der eigene Plan und das eigene Konzept sonst leichter, sich durchzusetzen als im richtigen Augenblick.

Francois Jullien findet in frühen chinesischen Texten einen etwas anderen Weg: Das „Nicht-Handeln“. Laozi liest er auf interessante Weise: „Nichts tun, aber nichts wird nicht getan.“ Wer nichts tut und klug und auch strategisch abwartet, der wird mehr reagieren wie agieren, der wird abwarten. Vielleicht abwarten  bis sich die Dinge „Von-Selbst“ erledigen. Der wird darum wissen, dass man mit minimalem Einfluss alles vorbereiten kann, damit die Situation „Von-Selbst“ dorthin neigt, wo ich siegreich sein kann. Einen einzelnen richtigen Augenblick gibt es hier nicht mehr. Vielmehr existiert eine Vielzahl an wichtigen Punkten, ein Ablauf, ein Prozess, die Welt und die Situationen sind „Im-Werden“. Das „Ich“ als möglicher Handlungsträger, das mit dem „Kairos“ umgeht, geht im Werden des Seins auf.

Das „Kairos Quartett“: Der Weg von Schubert zu Schnebel bis hin zu Haas…

Überträgt man diese Annahmen auf den gestrigen Abend des Kairos Quartett ergeben sich einige Interpretationsansätze, Konstruktionen und Brücken. Das „Kairos Quartett“, das im Bereich der zeitgenössischen Musik zu der absoluten Weltklasse zählt, spielte sich zuerst durch Schubert und Schnebel. Beides spektakulär interpretiert und in der Montage von Schnebel, der auf Schubert folgt auch sehr kühn in einen Zeitablauf und in eine Abfolge gebracht. Das Konzert kann als Weg betrachtet werden, als eine Konstruktion, der dem Willen der Interpreten folgt. Das „Kairos Quartett“ ist grandios darin Wege zu finden und zu konstruieren. Brücke zu schlagen zwischen Komponisten, Stilen und Epochen. Schubert und Schnebel waren gestern kein Widerspruch, sondern komplementär.

Auf Schubert und Schnebel folgte Georg Friedrich Haas und sein Stück in absoluter Finsternis. Die Nacht spielt prinzipiell eine große Rolle im Werk von Haas, hier wird die Nacht ernst genommen. Die MusikerInnen spielen das Stück auswendig in absoluter Dunkelheit.

Kairos rückt hier in den Hintergrund. Pläne werden über Bord geworfen, zumindest von den Zuhörer_Innen, die von allen Seiten mit der Musik von Haas bespielt werden. Langsam, die Zeit wird unwichtiger, stellen sich, neben dem Verlust des Zeitgefühls in der absoluten Dunkelheit, auch andere Effekte ein. Der Raum wird gefühlt und gehört kleiner. Die Abstände zwischen den MusikerInnen schwinden. Konnte man zuvor noch ganz klar lokalisieren, welcher Klang, welcher Ton, welches Tonfolge von welcher Seite kam, so hört man bald auf, dies als relevant zu empfinden. Der Raum wird zum Klangkörper, die Distanzen schwinden. Der Raum, die Situation, die Zuhörerinnen sind Teil der Dunkelheit und in dieser aufgehoben und zugleich unwichtig geworden. Der Klang ist. Die Musik ist.

Kairos: In der Dunkelheit löst sich die Suche nach dem richtigen Augenblick auf. Es ist ein „In-Fluss-Kommen“ der Zeit und des Zuhörens. Die eigenen Konstruktionen und Interpretationsversuche verschwinden. Die Musikerinnen sind auf die Situation und auf den Verlauf zurückgeworfen, auf das „Werden“, weniger auf das Sein. Bei der Suche nach dem richtigen Augenblick tappt jeder in absoluter Dunkelheit. Ich als Zuhörer habe aufgehört zu „handeln“, aktiv und analytisch zuzuhören. Und bin in der Abfolge von Augenblicke aufgegangen. Ein meditativer Zustand. Nicht-Handeln als Nicht-Hören. Nicht analytisch hören und alles ist gehört.

 


 

theguardian_Andrew Clements

 


 

Weit weg von der Bequemlichkeit (Südkurier v. 15.11.2011, Elisabeth Schwind)
... Die Musiker des Kairos Quartett, denkt man sich, müssen Blut und Wasser geschwitzt haben, als sie das eingeübt haben. Doch sie haben gewonnen – und wer sich als Hörer Pausets Musik vorurteilsfrei öffnet ... mehr...

Zeilen Sprung (Christoph Huppert)
Einen „zeitlos schönen Literaturabend“ hatten die Veranstalter versprochen und ihr Versprechen mit einem glänzend aufgelegten Kairos Quartett und einer hochkonzentriert und brillant rezitierenden Martina Gedeck absolut eingelöst. mehr...

Festival–Eröffnung mutig und radikal
Kairos Quartett und Martina Gedeck brachten Texte und Musik aus der Neuen Welt

Workshop mit dem Kairos Quartett
Kuriose Kehrblech–Klänge

Klänge aus der Dunkelkammer
Musikfest Stuttgart: Mit einem Symposium wird das Thema Nacht unterfüttert, und das Kairos Quartett spielt im stockfinsteren Raum. Licht aus! 50 Zuhörer im Probensaal der Internationalen Bachakademie können am Montagabend die Hand vor Augen nicht sehen. Es ist stockduster im Raum. So ähnlich, denken jene, die zuvor im Symposium „Die Musik der Nacht“ den Ausführungen des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas lauschten, müssen Menschen vor der Entstehung von Lichtsmog und Luftverschmutzung jahrtausendelang die Nacht erlebt haben. Wer immer wieder vollständiger Finsternis ausgeliefert ist, muss das Licht als Gottesgabe empfinden – und das Unfassbare, Ungreifbare, Unbegreifliche, Dämonische der Dunkelheit fürchten. Man könne noch gehen, verkündet der Dramaturg Michael Gassmann vor dem denkwürdigen Ereignis – man könne noch gehen, wenn man es sich nicht zutraue, 50 Minuten in der Dunkelheit auszuhalten. Man solle unbedingt gehen, warnt Haas, der das Streichquartett „In iiij noct.“ 2001 als „Verbalpartitur“ konzipierte, denn er wolle mit seiner Musik auf keinen Fall einem Zuhörer Schmerzen zufügen. Klar, dass nach diesen Worten keiner gehen will. Packendes im Dunkeln erlebt man nicht alle Tage. Das Kairos-Quartett verteilt sich im Saal. Dann geht das Licht aus. Dem Publikum wird schwarz vor Augen. Die Quadrofonie beginnt mit einem Abtasten des Klangraumes. Allein gelassen mit den Klängen, dienen den Zuhörern das leise Sirren und kratzende Kreisen der Klänge in den vier Ecken als alleinige Orientierung. Die Zeit längt sich. Sie entgleitet. Nach zwei Dritteln des Stücks, hat Haas versprochen, soll ein Zitat aus einem Madrigal des italienischen Komponisten Carlo Gesualdo zu hören sein, das an der Bruchstelle zwischen Renaissance und Frühbarock entstand. Man wartet auf Musik von dem Mann, der seine Frau mitsamt ihrem Liebhaber umbrachte, doch sie will einfach nicht kommen. Ob die Musik in einem beleuchteten Zimmer wohl viel leiser klänge? Jetzt ist sie so laut. Es trillert, Obertöne werden umspielt, ätherische Flageoletts flöten, Töne gleiten aufwärts, abwärts, neue Impulse kommen aus unterschiedlichen Richtungen, werden auf anderen Positionen aufgenommen, verändert, imitiert. Die Streicher des Kairos Quartetts verstehen sich blind, und bei manchen zweistimmigen Passagen mag man meinen, einer von ihnen hätte seinen Standort verlassen und sich im Dunkeln einem anderen zugesellt. Hat er aber nicht. Weil das Quartett seine Augen ebenso wenig benutzen kann wie das Publikum, entfernt sich das Stück unweigerlich von jenen fein ausgearbeiteten Klangwelten, für die der 57-jährige Komponist weltweit gefeiert wird. Als Erlebnis ist „In iij noct.“ überzeugender denn als Komposition (die es im strengen Sinne ja auch nicht ist). Und nach einer wirkungsvollen Pizzicato-Stelle nutzt sich das Vokabular spürbar ab. Auf die Verneigung vor Gesualdo, die schließlich doch noch kommt, folgt nicht mehr viel. Doch die Energie der Musik, nein vor allem die Energie der Musiker füllt den Raum, und sie ist auch noch da, als das Licht im Saal wieder angeht. Mit dem Dunkel schwindet der Zauber. Man vergisst ihn aber nicht.
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten v. 1. September 2010


Neue Streichquartette mit dem Kairos Quartett in der Villa Elisabeth (Berlin)
Viele Wege führen zum Streichquartett. Die alte Gattung zeigt sich immer wieder aufnahme- und wandlungsfähig, sei es innerhalb ihrer Grenzen, sei es in bewusstem Schritt über sie hinaus. Und so begeisterungsfähige und penible Interpreten wie die Musiker des Kairos Quartetts überzeugen Komponisten wie Zuhörer leichthin von der Lebendigkeit ihrer Sache.
Drei Uraufführungen und ein interessanter Fund brachte jetzt das Konzert in der Villa Elisabeth. Die Komponisten, zwei Deutsche, zwei Franzosen, gehören zur Generation der Fünfzigjährigen. Knut Müller, der als Künstler und Komponist in Leipzig lebt, ist ein Außenseiter im Betrieb der neuen Musik, und sein 3. Streichquartett bringt gleich zu Anfang frische Luft ins Konzert. Die in wuchtiger Rhythmik satt röhrenden Quintklänge der leeren Saiten signalisieren Ferne von der Last der Tradition ebenso wie die naiv in Szene gesetzte Lust am Ertasten des Klangmaterials der Instrumente. Die Energie dieses ersten Satzes trägt über ihn hinaus bis in die absterbend Klanggestalten des zweiten Satzes mit Trauerstimmung.
Ragnarök, Götterdämmerung, nennt Müller sein Stück im Untertitel, und er möchte es als eine Art Ehrenrettung für die heute zumeist zwischen Heavy Metal und politischem Stumpfsinn rezipierte nordische Mythologie verstanden wissen. Philippe Schoeller arbeitet in "Tree to Soul" auf auratischere und raffiniertere Weise mit den Möglichkeiten der vier Instrumente, ist da ganz auf der Höhe der Zeit. Aber auch hier gibt sich eine außenseiterische Verschrobenheit zu erkennen. Schon in den klassischen, auch mit ausschweifenden italienischen Bezeichnungen charakterisierten Satztypen, vor allem aber in dem doppelten Gang durch beide Sätze.
Der Sinn dieses wahren Tabubruchs erschließt sich kaum, erhöht allerdings den Effekt des überraschend angehängten Schlusses. "All' aperto. 18 Scherben für ein Streichquartett" nannte Christoph Staude 1992 seine Sammlung von Fragmenten, deren Reiz einerseits darin besteht, dass sie sich in unvorhersehbarer Weise mal zu größeren Einheiten zusammenschließen, mal sekundenkurze oder minutenlange Einzelsätze bilden. Andererseits bildet die Vielschichtigkeit der Tonsprache hier auch einen Reichtum an Welterfahrung ab, zusammengehalten von kaum spürbarer Zauberhand. Viel strenger entwickelt sich "Entlöse" von Jean-Luc Hervé, eine Rezitation für Solovioline und Streichtrio, zu der ein Klavier sparsame Kommentare setzt. Spannend ist diese Musik in den unendlichen Variationen zwischen kleinen, sprechenden rhythmischen Zellen und fließendem Klang, schön in der Ökonomie ihrer Mittel.
Martin Wilkening, 22.2.2010, Berliner Zeitung


Neue Osnabrücker Zeitung Ausgabe vom 29.09.2009 von Anne Reinert

„(...) Das alles zeigt die von Gerhard Ahrens zusammengestellte Mischung, die alles in allem allerdings ein wenig gefällig bleibt. Denn moderner als das frühe 20. Jahrhundert lässt er die Gedichte nicht werden. Stattdessen liest Martina Gedeck noch Ausschnitte aus Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ und Norman Mailers „Die Mondlandung“. Da zeigt sich, wie die menschliche Fantasie, zum Mond zu reisen (Verne), mit Neil Armstrong und der Apollo 11 real wurde (Mailer). Marina Gedeck liest mit klarer, nuancierter und sanfter Stimme. Anfangs knetet sie zwar ihre Hände nervös unter dem Tisch. Doch auf ihre stimmliche Leistung wirkt sich das nicht aus.
Das Kairos Quartett füllt mit Giacinto Scelsis (1905-1988) Quartett Nr. 3 die avantgardistische Lücke. Die sirrenden und summenden Töne lassen bei einem Abend mit dem Titel „An den Mond“ allerlei Assoziationen zu. Harmonischer sind da die vier Sätze von Claude Debussys Streichquartett in g-Moll, die die Berliner Musiker einzeln zwischen den Textpassagen bringen. Das sorgt für himmlische Stimmung. Doch ein Zusammenhang zwischen Musik und Gedichten ist nicht erkennbar.
Nach avantgardistischem Scelsi und Konzeptimprovisation scheint es wie ein ironischer Bruch, dass das Quartett am Ende das „Abendlied“ spielt. Zunächst liest Martina Gedeck Matthias Claudius’ Text mit sanfter Stimme. Noch zarter spielt das Streichquartett Johann Abraham Schulz’ Melodie zum versöhnlichen Abschluss. Nur eines will da gar nicht ins Bild passen: Draußen am Himmel scheint zwar der Mond, aber nur als Halbmond.Wie unpassend.


"Aufbruch" in die Neue Welt, musikalische Lesung am 20. Sept. 2008, Cuxhaven

Stationen der Hoffnung, des Vergessens, des Erinnerns und des Wagemuts steuerte Martina Gedeck zum Höhepunkt der LeseLust Cuxhaven am Sonnabendnachmittag im Hanseatensaal des historischen Hafenbahnhofs an. Die Schauspielerin bescherte damit rund 240 Zuhörern gemeinsam mit dem renommierten Kairos Quartett einen an Text- und Klangergebnissen reichen Abend.
Gedecks literarische Reise führte ausgehend von Kafkas "Der Aufbruch" und Goethes Gedicht "Den Vereinigten Staaten" über Zeilen des rumänischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade direkt zu Walt Whitman und Gedichten aus dessen Hauptwerk "Leaves of Grass" (Grasshalme). Whitman, der mit seinen Zeilen immer wieder um den viel beschworenen "Amerikanischen Traum" kreiste, bildete denn auch einen Schwerpunkt der Lesung in der Reihe "Texte und Töne" des Literaturfestes Niedersachsen der VGH-Stiftung. "Aufbruch in die Neue Welt" hatte der Dramaturg des Abends, Gerhard Ahrens, das vielschichtige Programm überschrieben, zu em das Kairos Quartett passenderweise Neue Musik spielte.
[...] Eine für viele Zuhörer sicherlich neue musikalische Erfahrung bescherte das Kairos Quartett, das den literarischen Aufbruch mit Neuer Musik bereicherte. [...] Das Cuxhavener Publikum erlebte die vier Musiker  [...] bestens aufgelegt. Sie spielten mit perfekter Präzision und konzentrierter Leidenschaft die Werke von John Cage "Thirty Pieces" und György Kurtágs "Quartetto per archi op.1". Letzteres zählt zu den Klassikern der Quartettliteratur nach 1950, wird aber wegen seiner extremen technischen Schwierigkeiten nur selten gespielt.
Feinste schillernste und auch intensivste Klänge erfüllten den Hanseatensaal und erreichten eine spürbare Konzentration und auch Anspannung im Publikum. Ob in üblicher Quartettformation auf der Bühne oder in den vier Ecken des Saales verteilt, die Musiker überzeugten mit brillant gesponnenen, dabei auch leisen, manchmal nur mit den Fingern auf dem Griffbrett geklopften oder gezupften, feinen ziselierten Klanggeweben.
Bei aller Herausforderung glänzte das Quartett mit einer gekonnten Spielweise und entlockte auch im Zusammenspiel mit der fünften Klangfarbe, der Stimme von Martina Gedeck [teilweise kam es zu Überlappungen von Sprache und Musik], sensible, tiefergreifende, anrührende bis heitere Nuancen.
Am Ende des Abends gab es viel Beifall für diese Text- und Klangerlebnisse der besonderen Art.
Jens Potschka, 22.9.2008, Cuxhavener Nachrichten


Konzert für John Cage, Konzert v. 5.9.2008, Herrenhaus Halberstadt

Am Freitag Abend hatte das Quartett zum Geburtstag von John Cage ein in jeder Hinsicht fabelhaftes Konzert gespielt, das seine Spannung vor allem aus der stilistischen Unterschiedlichkeit der Werke bezog: neben den "Thirty Pieces" von John Cage war ")place(" des jungen italienischen Komponisten Giorgio Netti mit seinen komplexen Klängen der Höhepunkt.
Ute Schalz (www.halberstadt.de), September 2008 (mehr)



Aspekte Salzburg 2008, Konzert vom 8.3.2008: G. F. Haas: 3. Streichquartett "In iij noct."

Gefangen in feinsten Klanggespinnsten

Die Mitglieder des Kairos Quartetts - zwei auf der Bühne, zwei hinten im Saal - jedenfalls erfüllten die Dunkelheit mit einem weiteren Makrokosmos feinster schillernster Klänge.

Man brauche als Künstler für die Interpretation dieses Werks die Konzentration des Publikums, wie ein Segler den Wind, sagte der Cellist Claudius von Wrochem, bevor das Licht ausging. Umgekehrt war es nicht schwer, sich von den brillant gesponnenen - dabei oft extrem leisen, manchmal etwa nur mit den Fingern auf das Griffbrett geklopften - Klanggespinsten in diese Nacht hinaus tragen zu lassen. - Ein Höhepunkt dieser Aspekte. [...]
Heidemarie Klabacher und Reinhard Kriechbaum, 9.3.2008, DrehPunktKultur



Aspekte Salzburg 2008, Konzert vom 7.3.2008

Neue Musik, traumhaft schön

Im zweiten Konzert des Abends das Berliner Kairos Quartett: Susanne Zapf und Wolfgang Bender, Violine, Simone Heilgendorff, Viola, Claudius von Wrochem, Cello. Vier Musiker, die Neue Musik nicht nur mit Intellekt und perfektem Handwerk, sondern auch mit wahrer Leidenschaft spielen. [...]

Die so lange verfemt gewesene Kunst der Wiederholung, die Technik feingliedriger Variation wird bei Haas zum Ereignis. Den Glockenklängen und Vogelstimmen des Beginns [Erstes Streichquartett] kann man sich nicht entziehen. Das mystische Raunen wird bis zum Äußersten gedehnt, kein Wunder, dass im Finale plötzlich Wagners Tannhäuser chromatisch um die Ecke lugt. Genauer ausgehorcht, emphatischer und feiner ziseliert als das Kairos Quartett kann man das nicht spielen.
Franz Hanslieb, 9.3.2008, DrehPunktKultur



Luciano Berio und Georg Friedrich Haas beim Festival Wien Modern 2007

Eines der beeindruckendsten Werke war aber das in gänzlicher Dunkelheit gespielte dritte Streichquartett [v. Haas] «In iij noct.» in einer Aufführung mit dem Kairos-Quartett, in der wenige Elemente, die auch der Kommunikation unter den Musikern dienen, eine einzigartige Atmosphäre ergaben, bevor unvermittelt und betörend ein Gesualdo-Zitat erklang.
Daniel Ender, 8.12.2007, Neue Zürcher Zeitung (mehr)



Georg Friedrich Haas  in Weingarten

[...] Dunkelheit als konkrete Erfahrung ist die Thematik des 3. Streichquartetts In iij. Noct. – einer der Höhepunkte des Festivals. Im völlig abgedunkelten Raum ist das orientierungslose, nur auf die auditive Wahrnehmung zurückgeworfene Publikum den Klängen und Aktionen der vier im Raum verteilten Instrumentalisten geradezu ausgesetzt. Großen Erfindungsreichtum zeigen die achtzehn aleatorisch gefügten Episoden, die vom Kairos Quartett eindrucksvoll und dramaturgisch schlüssig umgesetzt wurden. [...]

Das mit dem Oeuvre von Haas bestens vertraute Kairos Quartett erhielt enthusiastischen Beifall beim letzten Konzert mit den ersten beiden Streichquartetten. Die drei (von insgesamt vier) in Weingarten aufgeführten Quartetten rundeten das Bild und erfüllten die Intention: Haas in seiner musikalischen Bandbreite auf nachhaltige und vertiefende Weise dem Publikum nahezubringen.

Daniel Schreiner (Positionen 70, 2/2007)     [Die Konzerte fanden am 11.+12.11.2006 statt]



Klavier | Raum | Lautstärke - Konzerthaus Wien

Die Invasion der Lautstärke - Das Kairos Quartett im Konzerthaus: Unverstärkte Streich- bzw. Klavierquartetts; kurze, aber hochaggressive elektronischen Tonkristalle

Wien - "Die akustische Realität ist der vorgestellten in jedem Fall überlegen. Sie ist herstellbar, aber sie ist nicht vorausnehmbar", so Wolfram Schurig im Text zu seinen neuen Klavierquintett blick: verzaubert. Diese Sätze könnten jedoch als Motto über allen Stücken des Abends stehen. Denn als Ausgangspunkte der durch das Kairos Quartett in Klänge übersetzten Partituren - Julio Estradas yuunohui'ensemble, Iannis Xenakis' ST/4 und Schurigs Quintett (mit der Pianistin Xie Ya-ou) - fungieren komplexe, konzeptuell-mathematisch bzw. grafisch generierte Prozesse.

Weit weniger homogen war die akustisch real wahrnehmbare Komponente. Denn während die Instrumentalmusikstücke naturgemäß nur wenig Schalldruck erzeugen konnten, kratzten die wie überdimensionierte Störgeräusche dazwischen erklingenden 12 Skizzen von Daniel Kötter an den Hörnerven wie eine Überdosis akustischer Chili. Die Klangkost eines unverstärkten Streich- bzw. Klavierquartetts war gegen die kurzen, aber hochaggressiven elektronischen Tonkristalle chancenlos, und so wirkten die an sich recht sperrigen Instrumentalklänge im Vergleich dazu geradezu schüchtern und etwas plattgewalzt.

Dabei klänge etwa Xenakis' bereits vierzig Jahre altes computergeneriertes Werk ST/4 aus der Geburtsstunde der stochastischen Musik durch seine enorme Dichte und Vielschichtigkeit nach wie vor erfrischend - wie Estradas aufgeregte Phrasen, die als fröhlich plapperndes Klangtheater wirkten. Oder die intensiven, sich gegen Ende mehr und mehr ausdünnenden Klangkonzentrationen bei Schurig, die sicherlich das Potenzial gehabt hätten, das Gehör zu öffnen und zu sensibilisieren. Wäre da nicht die ständige Angst vor einem Hörsturz gewesen ...
(spou / DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2007) Wiener Zeitung (mehr)

"Brutaler Determinismus, konsequent umgesetzt vom konzentrierten Kairos Quartett. Julio Estradas "ensemble’yuunhui" für Streichquartett wurde zwei Mal gegeben, in getauschten Spielpositionen. Es tat gut, den filigranen Bögen und heftigen Tremoli nochmals folgen zu können, die Grenzen des musikalischen Ausdrucks in Hörweite.

Wolfram Schurigs "blick: verzaubert" verbirgt ganz bewusst seine musikalische Struktur. Die spannende Interpretation durch das Quartett aus Berlin und die hervorragende Pianistin Xie Ya-ou gipfelte in einem sich immer weiter konzentrierenden, klanglich verkarstenden Finale, das die Zeit zum Zerreißen dehnte. Ein trotz lichttechnischer Schwierigkeiten stimmiger Abend, der großen Eindruck hinterließ."
Rainer Elster (Wiener Zeitung, 26/04/2007



"VerLAUTungen" - Konzerthaus Berlin

Wenn Laute zischen...

Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten ist das A und O des auf Freud gestützten psychoanalytischen Vorgangs, zugleich aber auch jeder durchstrukturierten Musik. Wer anders als Dieter Schnebel könnte dies von der Couch in den Konzertsaal holen: Schon vor Jahren befasste sich der Komponist, in seiner Vorliebe für experimentelle Kreativität mit John Cage vergleichbar, mit Kammermusik namens „Psycho-Logia“. Spontanes und Strukturiertes charakterisiert auch das gleichnamige Streichquartett, dessen zwei erste Sätze das Kairos Quartett im Werner–Otto–Saal zur Uraufführung bringt. Was die Musiker an rudimentären, quasi frei assoziierten Floskeln [...] zu sprechen haben, verdichtet sich mit sanfter Melodik und herb dreinfahrenden Dissonanzen ebenso zur Albtraum–Szenerie, wie es das eigene Spiel vergnüglich kommentiert.

„Verlautungen“ nennt das unermüdlich nach neuen Wegen suchende Quartett sein Programm, mit dem es an seine Reihe „Fünf Fenster“ vor fünf Jahren anknüpft. Dabei geht es nicht nur um den Laut als Essenz von Musik und Sprache, kulminierend in der Komposition „Die rauen Lautflecken“ des russischen Autors, Performers und Stimmkünstlers Valeri Scherstjanoi, der ein Feuerwerk zischender, knackender, gurgelnder Laute abbrennt. Es geht auch um Alltagserleben, etwa wenn Schnebel in seinen „Museumsstücken II“ Thermoskannen, Sahneschläger und quietschende Pappkartons auf ihre Klangqualitäten befragt. Kompositionen des 34-jährigen Sergej Newski setzen solcher Heiterkeit einen ernsten, komplexen Ausdruck entgegen. Dennoch: Er hätte nicht gedacht, dass Neue Musik so viel Spass machen könne, meint ein Konzertbesucher in der anschließenden regen Publikumsdiskussion.
Isabel Herzfeld (Tagesspiegel Berlin, 23/2/2007)



Im Genuss sinnlicher Klangerlebnisse
Graz. Erfreulich groß war das Publikumsinteresse im Museum der Wahrnehmung für das ausschließlich Stücke des 20. und 21. Jahrhunderts im Repertoire führende Berliner Kairos Quartett. Sind schon die Einführungstexte der Werke von Isabel Mundry, Enno Poppe, Walter Feldmann und Giorgio Netti (alle um die 40) eine Wissenschaft für sich, so entpuppten sich im Interpretengespräch die Ansprüche der genannten - zwischen Tönen und Geräuschen pendelnden - Komponisten als nahezu unerfüllbar. Mit diesen Musikern wurde das Konzert der ungewohnten Klänge dennoch zu einem sinnlichen Erlebnis.
Ernst Scherzer, Kleine Zeitung 9.3.2005



Festkonzert des Konzerthauses Berlin zu Georg Katzers 70.
Das vom Kairos Quartett mit viel Klangfarbensinn uraufgeführte Streichquartett Nr. 4 verzichtet auf gängige spieltechnische Neuerungen, lenkt vielleicht gerade dadurch das Augenmerk auf Dehnungen und Stauchungen der Zeit im fesselnd lebendigen Fluss.
Isabel Herzfeld (Tagesspiegel Berlin, 12/1/2005)

[...] von dieser Haltung spricht auch Katzers neues Streichquartett, das vom Kairos Quartett technisch ausgefeilt und mit Hochspannung aus der Taufe gehoben wurde...
Olaf Wilhelmer (Märkische Allgemeine, 11/1/2005)

Die zwei Streichquartette des intensiv im mikrotonalen Bereich arbeitenden österreichischen Komopnisten Georg Friedrich Haas: wunderschön fein gehörte Musik von ganz intensiver Wirkung. Das Kairos Quartett spielt das mit äußerster Genauigkeit, mit gestischer Intensität und mit tiefem Verständnis für die musikalischen Intentionen von Haas.
Reinhard Schulz, Neue Musikzeitung 2/2005



Sommerliche Musiktage Hitzacker 2004
Leises Leuchten contra Opulenz
...das Berliner Kairos Quartett (Wolfgang Bender und Chatschatur Kanajan, Violinen; Simone Heilgendorff, Viola; Claudius von Wrochem, Violoncello) spielte den gedämpften Tonfall mit leisem Leuchten. Emotionale Tiefe verband sich dabei mit durchdachter Aufmerksamkeit, die jede Facette des Klangs klar konturierte. Eine so technisch faszinierende wie emotional berührende Interpretation, die dem Werk in jeder Hinsicht gerecht wurde. »Berio ist gleichzeitig Kind, Poet, Träumer und Musiker», bereitet das Programmheft die Begegnung der Musik Berios mit der Schuberts vor, indem es den Musikwissenschaftler Claude Rosset zitiert. Und schließt die Frage an »Trifft das nicht auf Schubert zu?» Das mag sein - doch dass Schuberts Poesie und seine Träume jenen Luciano Berios verwandt sind, das machte an diesem Abend nur die luzide, unprätentiöse und von ständiger Reflexion geprägte Interpretation des Quartettsatzes c-Moll (D 703) durch das Kairos Quartett ohne Abstriche...
T. Jannsen, Elbe-Jeetzel-Zeitung, 3.8.2004 ( mehr)



Internationale Ferienkurse für Neue Musik, Darmstadt 2004
[...] Das vorzügliche "Kairos Quartett" machte in der Orangerie mit neuen Streichquartetten bekannt. Enno Poppe betrachtet in "Tier" die Musik wie ein Lebewesen, das seinem eigenen, kaum begreifbaren Rhythmus folgt. Michael Reudenbach führt die Klänge in "und aber" bis an die Grenze zum Verstummen, Franz Martin Olbrisch übt sich in seinem Stück "Ein Quadratmeter Schwärze" in der Zersplitterung der Klangwelt, und Georg Friedrich Haas beschwört einen Hauch von Nostalgie, wenn er das Obertonspektrum langsam abtasten lässt. [...]
Klaus Tapp, Darmstädter Echo, 19.8.2004

[...] Dies war der Anfang des Streichquartetts Tier von Enno Poppe, gespielt in einem Konzert des Kairos Quartetts, das allgemein als ein Höhepunkt unter den übrigens meist sehr gut besuchten Konzerten angesehen wurde. Der theoretische Nachschlag kam am nächsten Morgen, als die vier Musiker gemeinsam mit den Komponisten des Programms - außer Poppe noch Michael Reudenbach, Franz Martin Olbrisch und Georg Friedrich Haas - über die aufgeführten Werke und das Thema 'Streichquartett heute' diskutierten; und es war faszinierend zu sehen, dass es durchaus möglich ist, aus verschiedenen ästhetischen Positionen heraus den eigenen Solipsismus vorübergehend zu überwinden. [...]
Martin Erdmann Die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik 2004, für "JetztMusik", SWR 2, 4.10.2004



Time of Music Festival Viitasaari/Finnland Juli 2004
Hiljaisuuden ja hälyn rajalla – An der Grenze von Stille und Geräusch
[...] Die Erstaufführung des in diesem Sommer als Gastkomponist bei „Time of Music“ geladenen Dänen Bent Sörensen, geboren 1958, nahm das deutsche Kairos Quartett vor. Verschleierte, dunkle, sich an der Grenze von Geräusch und Stille bewegende Klänge zu modellieren, ist charakteristisch für Sörensen, und gerade diese Klangwelt zeigte das Kairos Quartett mit einer meisterhaften Interpretation von Sörensens zweitem Streichquartett (1986). [...]
Mikko Voutilainen, Keskisuomalainen/Finnland, 10.7.04 (Übersetzung Silke Bruns)



Nykymusiikin kuntokoulussa - In der Fitnessschule der zeitgenössischen Musik
Viikon erikoinen - Spezielles der Woche
Die Ausführenden des deutschen Kairos-Streichquartetts, Wolfgang Bender (Violine), Chatschatur Kanajan (Violine), Simone Heilgendorff (Viola) und Claudius von Wrochem (Violoncello) ziehen Telefonkarten durch die Saiten ihrer Instrumente, zuweilen nah am Steg. Die Streicher berühren die Saiten oder das Holz des Bogens. Man hört ... verschleierte Klänge, Rauschen, fast als seien auf der Bühne vier alte Röhrenradios, welche auf der Suche nach Signalen eines submarinen Senders der Südpol-Forschungsstation sind.
Mikko Voutilainen, Keskisuomalainen/Finnland, 11.7.04 (Übersetzung Silke Bruns) (mehr)



A Quattro ­ zeitgenössische Streichquartette bei den Rottenburger Tagen für Neue Musik (3./4. April 2004)
[...] Ein hochinteressantes Programm bot das Berliner Kairos Quartett mit Werken von Julio Estrada, Morton Feldman, Michael Edgerton und Giorgio Netti. Quadrophone Aufstellung ums Publikum fordert das klang- und geräuschfreudige Yuunohui des 1943 geborenen Mexikaners Estrada [...]
Nettis ) place ( war als letztes Stück in diesem hochkarätigen Konzert ungünstig platziert. Entgegen schwer verdaulichen Kommentaren des Komponisten entpuppte sich das lange auf der Stelle tretende Opus als fein ausgehörte, sorgfältig gestaltete Studie über das spannende Innenleben der Instrumente, die gelegentlich wie ein stöhnender Kleinsaurier aus der Ferne tönt und am Ende äolsharfenartig im Winde verweht. [...]
Werner M. Grimmel, Neue Zeitschrift für Musik 3, Mai/Juni 2004

Körpereinsatz mit Sogwirkung: Begeisternd das Kairos Quartett
Dass so gut wie alle Möglichkeiten neuartig differenzierten Klangs ausgeschöpft seien, wie es gelegentlich verkündet wird, widerlegten im ersten Sonntagskonzert Yuunohui des mexikanischen Komponisten Julio Estrada und der uraufgeführte erste Teil des ersten Quartetts von Michael Edgerton. Estrada komponiert kraftdurchpulste Klangströme, Edgerton versah die ereignisreichen, nur bei wenigen Zäsuren sich neu ordnenden verschlungenen Figurationen mit neuen Artikulationsmitteln, fein differenzierten Vorschriften für den Anstellwinkel des Bogens und die Intensität des Fingerdrucks [...]
Südwestpresse/Rottenburger Post, 6. April 2004



Kairos Quartett: eine Stunde mit Klängen in der Dunkelheit
Meisterleistung von Publikum und Musikern im Carlos-Chávez-Saal
Das deutsche Kammermusikensemble Kairos Quartett erweckte am Sonntag Nachmittag das Streichquartett Nr. 3 "In iij. Noct." , dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas (1953), zum Leben. 
La Jornada, Mexico City, 1.4.2003 (Übersetzung aus dem Spanischen von Gunda Weiland) (mehr) (Originalartikel auf Spanisch)



MaerzMusik Berlin 2003
Allerdings verdankte sich jenem Pluralismus eines der - von mir gehörten - interessantesten Konzerte der diesjährigen MaerzMusik: der Streichquartett-Abend des ausgezeichnet musizierenden Kairos Quartetts im Kammermusiksaal des Konzerthauses mit neuen Arbeiten von Enno Poppe (UA), Orm Finnendahl (UA) und Georg Friedrich Haas (DE). Allein schon die kontrastreiche Zusammenstellung der drei stilistisch eigenständigen Streichquartette machten das Konzert zu einem spannenden Hörvergnügen. Poppes Tier betiteltes Stück verdichtete das Potential von Glissandi zu einer insistierenden, unerbittlichen Musik, deren Charaktere in einer sehr gegenwärtigen Welt von Bedrohung, Verstörtheit, Suchen und Fremdheit angesiedelt sind. Orm Finnendahls Fälschung für Streichquartett, Laptop, Ghetto-Blaster und Live-Elektronik dagegen führte den pejorativen Sinn von 'Fälschung' ad absurdum, indem es zeigte, welch eine lebendige, vielschichtige und vergnügliche Musik entstehen kann, wenn man Vorhandenes - hier osteuropäische Blaskapellenmusik und Chopin - klug komponiert neu sichtet. Georg Friedrich Haas wiederum entführte mit seinem 3. Streichquartett In iij. Noct (In jener Nacht) im wahrsten Sinne in einen sensibel ausgeloteten Klangraum - die vier Musiker waren auf dem Rang an den vier Ecken des Saales postiert -, in dem Hören zu einem gespannten Lauschen wurde.
Gisela Nauck, Positionen 55, Mai 2003

[...] Im Bereich Konzertmusik bleibt neben dem Orchesterkonzert vor allem das farbige Programm des Berliner Kairos Quartett in Erinnerung. Enno Poppes Auftragswerk „Tier“ bot ein eigenartig bewegtes klangliches Innenleben und Orm Finnendahls 'Fälschung' mixt gewitzt Balkanklänge und Chopin in vielfäligen rhythmischen Brechungen.
Ullrich Pollmann, Der Tagesspiegel, März 2003 ( mehr)



Huddersfield Festival of Contemporary Music (Nov./Dec. 2002)
[...] There were two recitals later in the day, the first featuring the remarkable cellist Arne Deforce, the second the excellent Kairos String Quartet.In both events, pieces by Wolfgang Rihm and Richard Barrett were juxtaposed. Their styles are very different, but they complement each other. In Deforces recital the intensity of Rihm's Über die Linie, for Solo Cello, was paired with Barrett's Blattwerk, for Cello and Electronics, one of his more ambitious instrumental scores, but the influence of the Furt Duo could also be felt.

The Kairos Quartet demonstrated that the Arditti Quartet is no longer the indisputable exponent of new music for the medium. Richard Barretts recent 13 Self-Portraits lost nothing in comparison with Rihms well-established Eighth Quartet, but the most extraordinary item was Giorgio Netti's )place(, for String Quartet. Netti introduced a complete repertoire of new sonorities, which seemed to be suspended in space, compelling rapt attention throughout the half-hour duration. [...]
John Warnaby (Musical Opinion Magazine, Mag Highlights 1433 March/April 2003 Festival Review: Huddersfield Festival of Contemporary Music)



Klangspuren Innsbruck und TransArt Bressanone 2002
[...] Die vier MusikerInnen des Streichquartetts sitzen, in den vier Ecken des Raums verteilt, im Dunkeln, müssen ohne Blickkontakt mit verschiedenen Signalen versuchen, Kontakt zueinander aufzubauen, einannder zu antworten und ein fragiles Gefüge beständig am Leben zu halten: Das ist die Anordnung von Georg Friedrich Haas' neustem Werk, dem 3. Streichquartett "In iij. Noct.", uraufgeführt auf der Südtiroler Franzensfeste und dann auch in der Innsbrucker SOWI zu hören. Die ersten Worte der Ölbergszene "In jener Nacht", die der Titel benennt, geben nicht mehr als einen kleinen Hinweis auf die existenzielle Grunderfahrungen, die hinter einer solchen musikalischen Extremsituation lauern mögen, bei der die drei Dutzend Bausteine in jeder Aufführung etwas anders erklingen, doch wohl immer eine gewisse Kargheit behalten müssen. Das Kairos Quartett tastete sich souverän durch die komplizierten Anweisungen. [...]
Daniel Ender, Neue Vorarlberger Tageszeitung, 25.9.2002

[...] Später dann im Gewölbe eines unterirdischen Munitionsdepots die schattenhaften Klänge eines Streichquartetts von Giorgio Netti und eine Uraufführung von Georg Friedrich Haas, in vollständiger Dunkelheit - das exzellente Kairos Quartett und das Publikum einander und dem düsteren Ort ausgeliefert. [...]
Christoph Hahn, Der Standard 17.9.2002

[...] Dann das tags zuvor in Franzensfeste uraufgeführte Streichquartett "In iij. Noct." von Georg Friedrich Haas, das immer neu geboren wird: bei völliger Dunkelheit agieren und reagieren die Musik/innen, durchleben in zeitloser Spannung Ängste, Irritationen und Stimmungen der Nacht. [...]
U. Strohal, Tiroler Tageszeitung 17.9.2002



Salzburger Festspiele 2002
'Austria Today 4' mit dem Kairos Quartett
Druckkochtopfmusik
Im vierten Konzert der Festspiel-Reihe "Austria Today" gab es am Montag programmmäßig moderne österreichische Kompositionen zu bestaunen, diesmal für Streichquartett. [...]
Stephan Hoellwerth, SVZ 7.8.2002 (mehr)



[...] Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) und sein erstes Sreichquartett aus dem Jahr 1973 eröffnete den Abend. Filigran, feinfühlig und - in der überaus genauen und ernsthaften Interpretation dieser grafischen Partituren durch das Kairos Quartett - [...]
Susanne Staehr, Pressespiegel des Festivals, 6.8.2002 (mehr)

 

 


 

Fenster in den Elfenbeinturm

Das Kairos Quartett Berlin entwickelt erfolgreich neue Hörformen
Wer hat Angst vor Neuer Musik? Eigentlich doch jeder, mit Ausnahme ihrer Macher und einer Hand voll eingeweihter Hörer. Diese Meinung scheint nicht auszurotten zu sein [...] Doch es gibt Initiativen, die völlig andere, ermutigende Erfahrungen ermöglichen. „Fünf Fenster“ nennt das Berliner Kairos-Quartett seine noch bis Juni in der Kulturbrauerei laufende Konzertreihe, öffnet sie für Schlaglichter ausgerechnet auf die altehrwürdige Gattung Streichquartett, die sich in nach 1950 geschriebenen Werken – eigentlich ihrer Tradition entsprechend – als Brennpunkt des Innovativen, Wagemutigen erweist. (mehr)
nmz 06/2002, Isabel Herzfeld

 


 

"Im Rausch" - Das Kairos Quartett in München
Das Berliner Kairos Quartett, das sich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts widmet, hat in den wenigen Jahren seines Bestehens eine erstaunliche Entwicklung genommen. Es ist herangewachsen zu einem der führenden Ensembles für zeitgenössische Musik. In der Auseinandersetzung etwa mit mikrotonalen Ansätzen übt das Quartett bereits stilprägenden Einfluss aus. Die Sicherheit und sinnliche Frische im Umgang mit Skalen, die das zwölftönig chromatische Total überschreiten, war nun im “Studio für Neue Musik" im Kleinen Konzertsaal des Gasteig zu bewundern.
Reinhard Schulz (Süddeutsche Zeitung, 16.4.2002)



"Global Ear" im Societätstheater Dresden
Gelungen waren auch die Interpretationen des Kairos Quartetts aus Berlin. Die (alternierenden) Geiger Wolfgang Bender und Chatschatur Kanajan, Bratschistin Simone Heilgendorff und Cellist Claudius von Wrochem kommunizierten problemlos und intensiv, spielten klar, zupackend, aber auch sensibel und geheimnisvoll, wo dies angebracht war, und hinterließen einen ausgezeichneten Eindruck stählerne Kondition eingeschlossen ...
Benjamin Schweitzer (Dresdner Neueste Nachrichten, 20.1.2002)



Das Kairos Quartett als Gast im Konzert des SWR-Vokalensemble
Wie dagegen eine scheinbare Ansammlung von Fragmenten zur Einheit verschmilzt, belegte das Kairos Quartett mit seiner Interpretation von Kurtágs op.1. Wo andere Quartette die aufgesplitteten Akkorde, die gegenläufigen Figuren, die dynamischen Im- wie Explosionen zu platten Etüden moderner Spieltechniken geraten, setzte das Kairos Quartett Klangfelder von größter energetischer Dichte frei. Auch später, in der kompliziert verschachtelten metrischen Architektur des dritten Streichquartetts von Bartók, gelang Kairos die Volte, blitzartig die melodischen Qualitäten aufleuchten zu lassen zwischen brutalen rhythmischen Aktionen und Ballungen ostinater Tongebilde.
Annette Eckerle (Stuttgarter Nachrichten, 27.10. 2001)



Berliner Festwochen 2001
Andere, wie das Berliner Kairos Quartett, präsentierten ein Rahmenprogramm, das aufhorchen ließ: Im Op. 1 [...] tritt überraschenderweise schon voll die verdichtende Kraft György Kurtágs zu Tage. Bei [Artur] Schnabel mag man eher von Dauerregen-Musik sprechen. Das Kairos Quartett spielte sich hingebungsvoll durch Schnabels randvolle Seiten.
Gtl (Berliner Morgenpost, 24.9.2001)



Musica Viva - Gesprächskonzert in Göttingen
Sie sind Experten, was die Moderne anbelangt. [...] Nach der Pause wurde Kurtágs op.1 mit der gleichen Intensität und großer Präzision wiederholt. Begeisterter Beifall vom zahlreichen Publikum...
Matthias Schneider-Dominco (Göttinger Tageblatt, 6.7.2001)



Stele / Landscape - Neue Musik und Landschaft
Dem bravourösen Solovortrag [...] folgte ein nicht minder eindrucksvoller Beitrag des Kairos Quartetts, der unter der Überschrift “structure of landscape" stand. Dabei glänzte das Quartett mit unverkrampfter und entspannter Spielweise und entlockte so der durchaus anspruchsvollen Literatur sensible bis heitere Nuancen...
Nico Thom (www.leipzig-almanach.de/Aktuell/Aktuell57, 2.6. 2001)



Eclat Festival 2001
Und so sei es gestattet, den Artikel auf sicherem Terrain zu beginnen. Eines ist nämlich undiskutierbar: das außerordentliche Niveau der Interpreten. Quasi außer Konkurrenz lief das Streichquartett Nr. 2 von Georg Friedrich Haas. Und es überzeugte auch im Wangener Theaterhaus, nicht zuletzt wegen des feinnervig spielenden Kairos Quartetts.
Oliver Hasenzahl (Stuttgarter Zeitung, 13.2. 2001)



Festival zeitgemäßer Musik Bludenz/Österreich 2000
Das Kairos Quartett, bestehend aus [...], begegnete den beiden so unterschiedlichen Stücken [Lucier: Navigations, Berio: Sincronie] jeweils mit größter Kompetenz und Engagement.
Anna Mika (Neue Vorarlberger Tageszeitung, 28.11.2000)



Festival zeitgemäßer Musik Bludenz/Österreich 2000
Hier wie im vorhergehenden Stück war das bereits renommierte junge Kairos Quartett mit äußerster Ernsthaftigkeit und künstlerischer Präzision der Garant für authentische Übermittlung.
Hans-Udo Kreuels (Vorarlberger Nachrichten, 27.11. 2000)



14. Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik/20 Jahre “Konzert des Deutschen Musikrates"
Von Glück reden kann ein Komponist, wenn sich das Kairos Quartett seiner Werke annimmt. Die durchweg jungen Mitglieder dieses 1996 gegründeten Ensembles spielen mit einer Reife, die sich gewöhnlich erst nach Jahrzehnten der Berufspraxis einstellt.
Peter Zacher (Dresdner Neueste Nachrichten, 10.10.2000)



Das Publikum reagierte sehr dankbar, auch bei den “Thirty Pieces" von John Cage, die vom Kairos Quartett mit stupender intonatorischer Sicherheit umgesetzt wurden. Im Übrigen zeigte der Abend überzeugend, dass allerneuste Musik nicht fürsorglich älterer Literatur bedarf, um sich zu behaupten.
Adolf Lang (Kassel, 29.2.2000)



Prozess der Perfektionierung: [...] Mit Wolfgang Bender, Chatschatur Kanajan, Simone Heilgendorff und Claudius von Wrochem ist ein Streichquartett zusammengewachsen, das sich zeitgenössischen Kompositionen mit Leidenschaft und auf hohem Niveau zu widmen vermag. Dabei sind nicht nur die spiel- und aufführungstechnischen Probleme zum Teil extrem. Die komplexen, oft nur handschriftlich fixierten Noten bzw. graphischen Partituren erschweren Erarbeitung und Wiedergabe, so bei der “Sincronie" des schon modernen Klassikers Luciano Berio. [...] Diese schweißtreibende, tägliche Arbeit übertrug sich als Gestaltungswille auf das erfreulich zahlreich erschienene Publikum, das die Leistung zu würdigen wusste. [...] Viel Applaus für das Kairos Quartett an diesem anstrengenden, aber lohnenden Abend der Moderne.
Axel Oltmanns (Braunschweigische Zeitung, 8.11.1999)



Wenn das Stück trotzdem mit viel Beifall bedacht wurde, lag dies an den Ausführenden, die alle Spieltechniken mühelos bewältigten und durch gegenseitiges Zuhören und gemeinsames Atmen die Verbindungen zwischen den Stimmen deutlich machten. [...]
Andreas Göbel (Berliner Zeitung, 28.10.1999)



Klopfgeräusche tröpfeln ins Ohr. Töne mit Vibrato-, mit schattenlosen Flageolett-Leib bewegen sich in einer weiten Landschaft mit einer intensiven Sogwirkung. Die Komponistin [V. Janárceková], wann immer man ihr begegnet, zeigt ein faszinierendes Ergebnis ihrer “Forschungsarbeit" in dieser Landschaft “hinter den Tönen". Außerordentlich kompetent zeigt sich das Kairos Quartett in Sachen Neue Musik. Seine Spieler verfügen über einen hohen Grad an Sensibilität und phantasiebegabten Gestaltungswillen.
Gerlinde Hoffmann (HNA, 2.6.1999)



Das junge Kairos Quartett ist eine aufstrebende Formation, die noch an Auftrittssicherheit und Standfestigkeit hinzugewinnen dürfte. Wieviel an Ausdruckswillen und farblicher Gestaltungskraft schon da ist, zeigten die vier Berliner in Kompositionen von Webern und Bartók: engagiert-schonungsloses Quartettspiel, dessen differenzierte Pianowerte besonders auffielen.
Sigfried Schibli (Basler Zeitung, 5.12.1998)



Der zweite Programmteil bot Weberns “Fünf Sätze" (1909), die das Quartett äußerst empfindsam, mit dem Mut zum Scheitern nahm, in den langsamen und besonders im letzten Satz aber glücklich triumphierte, Bela Bartóks drittes Streichquartett (1927), das hier weniger stürmisch als aggressiv erschien und György Kurtágs Opus 1 von 1959.
Hier lief das Kairos Quartett zur Höchstform an, arbeitete die divergierenden Charaktere schlüssig heraus und erfreute mit schlicht wunderschöner Klanggestaltung. So klingt im positivem Sinne routiniertes Musizieren.
Volker Straebel (Tagesspiegel Berlin, 3.12.1998)



Im ersten Dezemberkonzert der Reihe “Unerhörte Musik" hob das Berliner Kairos Quartett, vor drei Jahren gegründet und schon mit einem Kranichsteiner Stipendium ausgezeichnet, ein Werk des Freiburger Informatikers und Komponisten Thomas Hummel aus der Taufe. “Bruillards" (eine Wortkreuzung aus “brouillard" wie Nebel und “bruit" wie Geräusch) ist bereits Hummels zweites Streichquartett und alles andere als eine Petitesse. Knapp eine halbe Stunde lang spüren die vier Streicher in faszinierend gefärbten Mischklängen der Sprachfähigkeit ihrer Instrumente nach - eine “Sprachfrequenzanalyse", wozu das schwebende Flautato ebenso gehört wie der hauchfein gesponnene son filé und das zischende Mitklingen der Obertöne beim Spiel dicht am Steg. Quasi geatmet sind die Geräusche, die Phrasen und Floskeln wirken syntaktisch organisiert. Und so taucht aus dem Nebel der Geräusche herauf spielerisch die Rede: Der Ton drängt - ganz wie in Beethovens Neunter - zum Wort, nicht blank heroisch und positiv, vielmehr fragend, flüsternd und in schöne Klangsilben und poetische Laute zerlegt. Anschließend erwies das vortreffliche, junge Kairos Quartett die gleiche penible Empfindsamkeit wie den ihm gewidmeten “Bruillards" auch den modernen Klassikern, in Weberns opus 5, Kurtágs opus 1 und “aus der Ferne" wie auch bei Bartóks drittem Streichquartett, welches so fragil und räumlich differenziert selten zu hören ist. [...]
Eleonore Büning (FAZ, 10.12.1998)



In der Parochialkirche [gab] das Kairos Quartett... ein glänzendes Berlin-Debüt ... Weit im Kirchenraum verteilt spielten die jungen Instrumentalisten, denen man die wiederholte Zusammenarbeit mit dem Arditti-Quartett anzumerken meint, die anspruchsvollen “Thirty Pieces for String Quartet" in überwältigender Präzision, mit feinem Klangsinn und fast perfekter Balance. Kairos behält zu den zufällig zusammentreffenden Einzeltönen und Klanggesten eine vornehme Distanz, verdoppelt keinen musikalischen Verlauf in aufdringlicher Expressivität, sondern überläßt die drei sauber getrennten Materialschichten sich selbst, die Bildung musikalischer Zusammenhänge dem Hörer. Ein fesselndes Spiel befreiter Klänge...
Volker Straebel (Tagesspiegel Berlin, 1.Juni 1997)



Neben dem Arditti-Quartett wartete auch das [Kairos Quartett] mit interessanten Streichquartetten auf. Die Berliner Musiker brauchten dabei den Vergleich mit den prominenteren Kollegen aus London durchaus nicht zu scheuen.
Jörn Peter Hiekel (WDR-Sendung über die Darmstädter Ferienkurse, August 1996